Red Bull Ring Fahrerlebnis im Test: Formel 4, freie Fahrt und ehrliche Eindrücke
Das Geschenk kam völlig unerwartet – und war eines der besten, die ich je bekommen habe. Zu meinem Geburtstag hat mir meine Frau eine Formel-4-Track-Experience am Red Bull Ring in Spielberg geschenkt: zehn Runden in einem echten Rennwagen auf einer echten Formel-1-Strecke. Ich war schon ein bisschen vorbelastet – dazu gleich mehr – aber es sollte ein Erlebnis werden, das ich so schnell nicht vergessen werde.
Ich bin tatsächlich schon einmal in einem Formel-Rennwagen gesessen: im August 2025 in Abu Dhabi, in einem Formel-3-Auto. Dieses Erlebnis war großartig – allein die Tatsache, auf einer legendären Formel-1-Strecke zu fahren und durch den beleuchteten Hotelkomplex zu brettern, ist unvergesslich. Aber befriedigend war es für mich nicht wirklich, weil ich in einer Kolonne feststeckte und nie das Gefühl bekam, wirklich fahren zu dürfen. Am Red Bull Ring sollte das anders werden – und es war anders.
Anreise, Hotel und die erste Vorfreude
Ich bin einen Tag vorher nach Spielberg angereist. Das Hotel war schön, die Lage besser als erwartet – denn schon beim Öffnen des Fensters hörte man die Motorengeräusche vom Red Bull Ring. Dabei ist die Strecke noch gut fünf Autominuten entfernt. Wer Benzin im Blut hat, dem kriecht da schon ein Grinsen ins Gesicht, bevor überhaupt etwas passiert ist.
Ablauf: Deutlich professioneller als erwartet
Mein Termin war um 15:00 Uhr. Der Ablauf war klar strukturiert: Anmeldung um 15 Uhr, Einweisung ab 15:30 Uhr – und die dauerte dann auch wirklich rund 70 Minuten. Danach: Rennoverall anziehen, zum Fahrzeug, und von 17 bis 18 Uhr war das eigentliche Fahrerlebnis angesetzt.
Das Briefing: Eine der größten positiven Überraschungen
In Abu Dhabi dauerte die Einweisung vielleicht 15 Minuten – rudimentär, auf Englisch, und schon vergessen, bevor man im Auto saß. Am Red Bull Ring war das komplett anders. Ein Trainer – derselbe, der uns später in einem Porsche vorausfuhr und die ganze Zeit auf unsere Sicherheit achtete – führte uns per PowerPoint-Präsentation mit Videos durch alles: Streckenvorstellung, Fahrzeugkunde, Schaltvorgang, Bremspunkte, das HANS-System für den Wirbelsäulenschutz, Helm, Gurte, und die klare Botschaft: Es gibt keine Fahrhilfen. Das Bremspedal ist brutal steif. Und zurückspulen kann man nicht. Das letzte hat er sogar mehrfach betont – und es ist absolut richtig so.
Die englischsprachigen Teilnehmer wurden bereits vorher getrennt und bekamen ihre Einweisung direkt am Fahrzeug. Für alle anderen gab es auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Erst danach ging es gemeinsam rüber zur Start-Ziel-Geraden und in die Boxengasse – und dort standen sie: die Formel-4-Fahrzeuge.
Ins Auto kommen: Enger als man denkt
Wir waren zwei Gruppen zu je sechs Fahrern. Zuerst gab es Overalls, Sturmhauben und Helme – das lief überraschend reibungslos. Der Ausgeber schätzt die Größe schnell ein, man bekommt seinen Overall, zieht alles an, und hat dann noch etwas Wartezeit, je nachdem ob man in der ersten oder zweiten Gruppe ist. Ich war in der ersten.
Dann: Probesitzen. Ich habe relativ breite Schultern – und der Einstieg ins Monocoque eines Formel-4-Autos ist eine eigene Disziplin. Rund um das Cockpit gibt es Schaumstoffschutz, damit der Helm nicht auf harte Kanten trifft. Das HANS-System muss eingefädelt werden. Die Gurte werden festgezurrt. Die Arme haben kaum Spielraum. Am Ende konnte ich mir Sturmhaube und Helm nicht mehr selbst aufsetzen – das hat ein Assistent übernommen. Auch mit Brille hat das gut funktioniert.
Rund 15 Minuten vor dem Start saß ich bereits im Auto – draußen in der Boxengasse, eingereiht, und wartete. Dann: Anlassen. Das klingt einfacher als es ist. Kupplung durch, Startknopf, einmal hochschalten – und gleichzeitig Kupplung langsam kommen lassen und Gas dosieren, während zwei Leute das Auto noch anschieben. Bei fast jedem hat der Motor beim ersten Versuch abgewürgt. Beim zweiten lief er.
Die Einführungsrunden: Strecke kennenlernen
Gefahren wurde die Südschleife des Red Bull Ring – also nicht die komplette Grand-Prix-Strecke, sondern etwa die Hälfte. Das klingt nach einem Abstriche, aber mit zehn Runden zur Verfügung ist das tatsächlich sinnvoll: Weniger Bremspunkte, weniger Kurven, mehr Chance, in einen Rhythmus zu kommen.
Die ersten zwei Runden fährt man in der Kolonne hinter dem Porsche des Trainers – einmal über die Start-Ziel-Gerade, einmal durch die Boxengasse. Einfach den Weg kennenlernen, Bremspunkte grob einprägen. Dann: freie Fahrt. Die Einführungsrunden zählen dabei nicht zu den gebuchten zehn Runden.
Freie Fahrt: Intensiver als jeder Simulator
Ich fahre seit vielen Jahren Simulator – mit Lenkrad, ohne Fahrhilfen, auf Amateurlevel. Gran Turismo 7 in VR mit meinem Racing-Setup ist für mich eines der beeindruckendsten Gaming-Erlebnisse überhaupt. Ich dachte, das gibt mir zumindest eine grobe Grundlage.
Die Wahrheit: Es hilft – aber man wird durch den Simulator kein guter Rennfahrer. Was im echten Formel-4-Auto dazukommt, kann kein Simulator derzeit wirklich abbilden: die G-Kräfte in den Kurven, das brutale Bremspedal ohne Bremskraftverstärker, die realistische Gefahr, und das Wissen, dass man hier nicht zurückspulen kann. Jedes Mal wenn ich in Abu Dhabi geschaltet hatte, knallte mein Kopf gegen die Kopfstütze – der Schub ist einfach auf einem anderen Niveau.
Simulator vs. Realität: Ein ernüchternder Vergleich
Wenn ich in Gran Turismo bisschen auf die Bremse gehe, habe ich meine Kurvengeschwindigkeit. Im echten Formel-4-Auto muss man mit voller Körperkraft auf ein Pedal treten, das so steif ist, dass man es kaum glaubt – und gleichzeitig spät genug bremsen, um nicht ewig Zeit zu verlieren. Das ist lächerlich viel schwieriger als im Simulator. Selbst mit den besten Pedalen zu Hause kann man das kaum imitieren. Und dann kommt noch dazu: Man weiß, dass man hier einen Fehler bezahlt – mit Blech, Lackierung, oder schlimmstenfalls der eigenen Gesundheit. Diese Ebene fehlt im Simulator komplett.
In den ersten Runden war ich damit beschäftigt, überhaupt alles zu verarbeiten. Man sieht nur die Hälfte des Lenkrads, der Kopf lässt sich kaum bewegen, der Funk im Helm ist laut – bei mir definitiv zu laut, ich hatte danach kurzzeitig leichte Hörprobleme. Kleine, aber klare Kritik: Die Lautstärke des Boxenfunks sollte individuell besser eingestellt werden.
Aber mit jeder Runde wurde es besser. Ich habe gelernt, deutlich später zu bremsen als ich instinktiv wollte. Ich habe die Kurvengeschwindigkeiten besser eingeschätzt. Einmal bin ich leicht über die Kerbs gefahren – passiert, kein Drama. Und in einer Runde hatte ich tatsächlich diesen Moment: Gehirn ausschalten, nach Gefühl fahren, im Flow sein. Das war großartig.
Ein oder zwei Fahrer haben mich überholt – sie waren einfach früher im Vertrauen mit dem Auto. Das Überholen lief immer fair ab, wir fuhren ja nicht gegeneinander, sondern jeder in seinem Rhythmus. Ich hatte meine Seitenspiegel eingestellt, bekam über Funk Ansagen wenn jemand aufholte, und konnte entspannt Platz machen. Kein Stress, kein Ego – genau richtig.
Stärken und Schwächen der Experience auf einen Blick
Das hat mich begeistert:
Das hat mich gestört:
Meine Empfehlung: Für wen ist das was?
Diese Experience ist nicht für jeden – und das meine ich ernst, nicht als Abschreckung. Wer in einem Formel-4-Auto sitzt, ist in ein Monocoque eingeklemmt, mit mehreren Gurten fixiert, dem HANS-System gesichert, Helm auf – und hat dann eine abstrakte Wahrnehmung durch das Helmvisier. Das ist körperlich und psychologisch viel auf einmal, besonders wenn man noch nie in einem Rennwagen saß.
Es gab unter uns einen Fahrer, der den ganzen Abend sehr langsam fuhr – er war schlicht überfordert. Das ist kein Versagen, sondern ein Zeichen: Wer sich das erste Mal in ein Rennfahrzeug setzt, sollte sich gut überlegen, womit er anfängt. Meine klare Empfehlung: lieber mit einem GT-Auto oder einem Tourenfahrzeug auf der Strecke beginnen, und dann erst Formel 4 – nicht umgekehrt. Formel 3 für Einsteiger, wie ich es in Abu Dhabi erlebt habe, würde ich heute nicht mehr empfehlen.
